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Ich habe Zalie gebeten, alles meinem Onkel in Rechnung zu stellen. Dafür ist er gut.
Jetzt kann das Forschen losgehen!
Ach ja, ich sollte wohl besser aufschreiben, was ich erforschen will. Für die Nachwelt.
Mein Onkel hat die Hypothese aufgestellt, dass Zhaun ursprünglich eine shurimanische Hafenstadt namens „Oshra Va’Zhaun“ gewesen und der Name im Laufe der Zeit verkürzt worden sein soll. Allerdings hat er dafür keinerlei Beweise und niemand glaubt ihm. Daher werde ich ein braver Neffe sein, Beweise suchen und dann den ganzen Ruhm für mich einstreichen.
Meinen Quellen zufolge soll sich aufgrund von industriellen Grabungen irgendwo tief unten in der Grube ein Spalt aufgetan haben.
Mein Plan ist ganz einfach:
Morgen mache ich den Spalt ausfindig und steige hinab.
Dann finde ich Beweise (siehe oben). Vorzugsweise eine verfluchte Urne oder ein verschollenes Zauberbuch. Irgendetwas richtig Cooles.
Dann geht’s zurück an die Oberfläche.
Und zum Schluss brüste ich mich vor meinem Onkel beim Abendessen.
Profit?
Ich behalte dieses Tagebuch zur Dokumentation meiner Fortschritte. Die Aufzeichnungen über dieses Erlebnis werden wahrscheinlich am Ende in irgendeinem Museum landen, neben einer Marmorstatue von mir.
(Memo an mich selbst: Bildhauerempfehlungen einholen!)
Hm. Der Spalt ist riesig. Ich habe meine Laterne vergessen, aber zum Glück leuchtet mein Handschuh so hell. Als ich in den Abgrund blickte, entfuhr mir doch tatsächlich ein Keuchen. Dort unten befinden sich lauter undurchschaubare staubige Treppen und alte Durchgänge. Ein wahrhaftiges Labyrinth. Ich steige mal hinab. Melde mich, wenn ich unten bin.
Onkel Lymere wird sicher richtig neidisch sein.
Ich hab erst ein Viertel des Weges nach unten zurückgelegt und mein Seil ist mir schon ausgegangen. Dieser schmale Vorsprung gibt mir die Möglichkeit, ein wenig zu rasten und über diese schreckliche Lage nachzudenken. Ich muss mich entscheiden: weiter nach unten vordringen und vielleicht verhungern oder meine Unternehmung aufgeben und mit leeren Händen zurückkehren.
Hervorragende Neuigkeiten! Ich habe etwas gefunden!
Einige Vorsprünge unter meinem Rastplatz habe ich eine Tür gefunden. Alt, aus Sandstein und sehr staubig. Ich hab den Schmutz von Jahrhunderten weggewischt und einige Glyphen entdeckt. Eulen und so ein Zeug.
Ich hab so viel wie möglich entziffert, aber mein Shurimanisch ist ziemlich eingerostet. Meiner Schätzung nach geht es um einen Fluch. Einen wirklich schlimmen Fluch, der sich irgendwie vervielfacht? Vielleicht vertausendfacht? Das klingt fantastisch! Wie ich zu sagen pflege: Wenn es nicht verflucht ist, hat es keinen Wert.
Da ich keinerlei altertümlichen Türgriff ausmachen konnte, musste ich mich meines ultimativen Dietrichs bedienen: meines Handschuhs! Hey Geschichtsschreibung, tut mir leid wegen deiner Tür, aber was sich hinter ihr befindet, ist interessanter als so ein paar alte Glyphen.
Diese neue Vorkammer ist wirklich erstaunlich. Zunächst einmal ist sie unglaublich sauber und …
Tut mir leid, ich dachte, ich hätte etwas gehört. Risse? Schritte?
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, könnte die Explosion meines Handschuhs wohl doch ein wenig zu viel für die tragenden Säulen gewesen sein. Ich muss weg. Keiner erinnert sich an Forscher, die zerquetscht worden sind.
Das war ein Spaß. Ich dachte schon, dass Grab würde in sich zusammenfallen, da Gräber immer in sich zusammenfallen, vor allem, wenn ich drin bin. Was wirklich passiert ist? Nun, die Tür hatte nicht zu viel versprochen. Die Vorkammer war verflucht.
Wie sich herausstellte, verbarg Oshra Va’Zhaun die berühmte Schatzkammer der prächtigen Heiligtümer. Eines dieser „Heiligtümer“ ist ein Relikt, das einst Carikkan, dem persönlichen Geisterbändiger des Imperators, gehört hatte. Wie’s aussieht, hat er gefährliche Wesen an leblose Objekte gebunden und sie dann für seine eigenen finsteren Zwecke missbraucht. Und er starb genau hier, wo heute Zhaun steht!
Außerdem hatte er eine ganze Armee von langsamen, tumben feurigen Steinkriegern, die es gar nicht leiden konnten, wenn andere Leute sich an Carikkans Sachen vergriffen.
Aber keine Sorge – ich habe sie alle in klitzekleine Stücke gesprengt!
Ich konnte aber diese wunderbar erhaltene goldene Stele erbeuten. Darauf ist die Legende des „Tages des Feuers“ und Carikkans Eid eingraviert, die Stadt Oshra Va’Zhaun zu schützen. Das Ganze ist wie eine geheime Geschichte, die in meinem Beutel Platz findet! Das wird die Welt verändern!
(Hoffentlich nicht nur die akademische Welt. Niemand interessiert sich für die akademische Welt.)
Uralte shurimanische Flüchen machen keine halben Sachen. Es gab nicht nur diese eine Armee feuriger Steinkrieger (Moment, waren das Golems?), plötzlich drang auch noch Wasser blitzschnell durch die Spalten im Boden. Ich musste irgendwo unter dem Pilt sein.
Bin durch so viele Tunnel geschwommen. So viele verschlossene Türen. Musste dem Drang widerstehen, sie alle eingehend zu studieren.
Bin wohl in der Nähe der Oberfläche. Zum Glück, vor ein paar Tunneln habe ich ein paar wirklich fies aussehende Düsteraale gesehen. Ekelhafte Kreaturen.
Könnte etwas dauern, bis ich mich wieder melde, aber solange ich diese Stele gut verpackt hier rauskriege, hat sich der Trip auf jeden Fall gelohnt. Auch wenn er mich fast den Kopf gekostet hätte. Und meine Socken nasser als nass sind.
Allerdings gibt es auch etwas Trauriges zu vermerken: Ich habe den letzten Rest meiner „Pomade für den eleganten Forscher“ aufgebraucht.
Sitze bei Zalie. Zalie ist wirklich der beste Aussatter in ganz Piltover … eigentlich bin ich hier, um von dem exzellenten Rückgaberecht Gebrauch zu machen. Meine Jacke ist vollkommen zerfetzt. Die Stiefel waren kein bisschen wasserdicht. Ich könnte alles als Mangelware darstellen … aber Zalie war so großzügig und hat bereits angeboten, mir einen entsprechenden Ersatz anzufertigen.
Die Forschergilde würde mich niemals ernst nehmen, wenn ich ihr Tagebuch und Stele in einem Aufzug vorlegen würde, als hätte ich gerade eine Runde Krakenhand gegen Hasenringer in Schlammstadt verloren. Ich muss ansprechend aussehen. Neue Jacke. Hose. Stiefel. Socken. Pomade.
Das ist gleich ein ganz anderes Gefühl. Vertraut mir einfach.
Diese offiziellen Aufzeichnungen sollen Zeugnis darüber ablegen, dass ich NICHTS mit dem Schwarm feuriger Krabbeltiere zu tun hatte, der das Händlerviertel von Piltover heimgesucht hat. Mich trifft keine Schuld!
Wer, fragt ihr, ist dann der Schuldige? Der Angestellte in Zalies Laden.
Kleiner Tipp: Überlasse niemals dem stümperhaften Angestellten von Zalie eine möglicherweise verzauberte goldene Stele, die du nur unter Aufwendung großer Mühen aus den Tiefen von Zhaun bergen konntest. Warum? Weil er sie zweifellos auspacken, auf eine Fensterbank stellen und somit direktem Sonnenlicht aussetzen wird … wodurch – wie könnte es anders sein! – körperlose Stimmen heraufbeschworen werden, die etwas in einer bis dato unbekannten, arkanen Sprache skandieren. Und dann beginnt deine wertvolle Stele zu leuchten, bis sie schließlich in hunderte lebende Splitter sengender Hitze explodiert.
Ja. Wie sich herausstellte, setzt die Stele Carikkans infernale Kobolde frei, wenn sie während der Tagundnachtgleiche dem Sonnenlicht ausgesetzt wird.
Nun gut. Ich wusste nicht, dass heute die Tagundnachtgleiche ist. Das geht also auf meine Kappe. Ich sollte mir mal einen Kalender anschaffen.
(Memo an mich selbst: Kalender zulegen. Aber nicht bei Zalie kaufen!)
Die Erde bebt. Ich sollte jetzt vermutlich mit dem Schreiben aufhören, da noch mehr dieser kleinen Plagen aus den Kanalgittern gekrochen kommen. Ich habe ein paar von ihnen mit meinem Handschuh gegrillt. Das hat ihnen gar nicht gefallen, so schnell wie sie den Löffel abgegeben haben. Ergebnis!
Na ja. Der einzige Beweis, den ich für diese ganze Eskapade habe, ist dieses Tagebuch und mein guter Leumund.
Die Vorermittlung ist für nächste Woche angesetzt.
Ich muss mich unbedingt darüber schlaumachen, was die Gesetze von Piltover zu Verleumdung und übler Nachrede sagen. Natürlich werde ich mich selbst vertreten.