Short Story
Yone
der unvergessene Krieger

Yone

der unvergessene Krieger

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Yone
der unvergessene Krieger

Zu seinen Lebzeiten befolgte Yone einen strengen Pflicht- und Ehrenkodex. Selbst als Kind sah er sich aus Liebe zu seiner Familie als Beschützer, wobei der Verlust seines Vaters eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. Während man Yone als geduldig und diszipliniert beschreiben konnte, war sein Halbbruder Yasuo dagegen frech und waghalsig.

Trotzdem waren die beiden unzertrennlich und als Yone seine Ausbildung an der renommierten Schwertkampfschule in der Nähe ihres Dorfes begann, folgte ihm Yasuo.

Während des Trainings musste Yone seinen impulsiven jüngeren Bruder oft zügeln. Der Älteste Souma, Meister der legendären Windtechnik, bot Yasuo eines Tages an, ihn unter seine Fittiche zu nehmen, doch Yasuo lehnte das Angebot zunächst ab. Daraufhin schenkte Yone ihm einen Ahornsamen – ein Symbol für Bescheidenheit – als Zeichen seiner Unterstützung und der Ermutigung.

Yone war stolz auf seinen Bruder, doch er zweifelte am Urteilsvermögen des weisen Meisters. Er befürchtete, dass Yasuo aufgrund seines impulsiven Charakters kein guter Schüler sein würde. Der Älteste Souma war jedoch überall anerkannt und traf keine unüberlegten Entscheidungen.

Yone ging seinen Vorbehalten also nicht weiter nach, sondern setzte das Training mit seinen zwei Klingen fort. Innerhalb kürzester Zeit brachte ihm sein Können den Respekt und die Bewunderung seiner Mitschüler ein. Obwohl Yasuo Yone nicht das Wasser reichen konnte, waren ihre Übungskämpfe dank seiner Windtechnik ein beeindruckender Anblick und die beiden Brüder hatten große Freude daran.

Allerdings hielt diese Freude nicht lange. Der Krieg hielt Einzug in Ionia.

Yone brach zusammen mit vielen anderen Schülern auf, um das Land gegen die noxianischen Truppen zu verteidigen, während Yasuo widerstrebend zurückblieb, um seinen Meister zu beschützen. Doch in einer schicksalsträchtigen Nacht wurde der Älteste Souma tot aufgefunden. Er war mit der Windtechnik ermordet worden, die er selbst gelehrt hatte.

Als Yone zurückkehrte, war Yasuo geflohen.

Das erschütterte Yone zutiefst. Seine Ängste hatten sich bewahrheitet – der Älteste Souma hatte sich geirrt.

Yone gab sich selbst die Schuld. Wenn Yasuo Souma tatsächlich ermordet hatte, dann hatte Yone darin versagt, ihn auf einen rechtschaffenen Pfad zu führen. Wenn Yasuo seinen Posten verlassen hatte und für den Tod seines Meisters verantwortlich war, dann hatte Yone darin versagt, ihm Disziplin beizubringen. Wie man es auch drehte und wendete, Yasuo hatte bereits mehrere seiner Verfolger umgebracht. In Yones Augen klebte ihr Blut an seinen Händen wie auch an den Händen seines Bruders.

Er spürte Yasuo auf. Als sich ihre Klingen endlich kreuzten, war Yones Kampfkunst weiterhin überlegen … doch Yasuos Windkunst streckte seinen Bruder nieder.

Der Tod war jedoch nicht das Ende. Also Yone im Geisterreich erwachte, drohte ihn die Last seines Versagens zu erdrücken. Der Zorn durchfuhr ihn und er schlug mit den Fäusten wütend auf den Boden.

Ein grollendes Lachen drang in seine Gedanken ein. Er drehte sich um und erblickte einen monströsen humanoiden Geist mit einer blutroten Klinge. Es war ein mächtiger Azakana, ein räuberisches Wesen, das Yone schon lange Zeit auf der anderen Seite des Schleiers verfolgt hatte.

Bevor Yone etwas sagen konnte, schlug der Dämon bereits zu.

Yone konnte die geisterhaften Schemen seiner Klingen gerade noch rechtzeitig heben, um den Angriff abzuwehren. Und ein weiteres Mal fand er sich in einem Duell wieder, in dem er der überlegene Schwertkämpfer war, doch von Magie überwältigt wurde.

Der Zorn verzehrte ihn. Ein Leben voller Ehre und Pflichtgefühl forderte seinen Tribut. Rasend vor Wut rang Yone dem Azakana dessen Klinge ab und rammte sie in die Kreatur.

Bevor ihn die Dunkelheit verschlang, hörte er nur noch dasselbe grollende Lachen wie zuvor …

Als Yone wieder zu sich kam, war er zurück in der Welt der Lebenden, doch sie war nur noch ein grimmiger Schatten ihrer selbst. Er kämpfte sich mühevoll hoch. Das Geisterreich lag noch wie Dunst über seinen Gedanken und in der Hand hielt er ein blutrotes Schwert. Auf seinem Kopf hatte sich eine Maske in Form des Gesichts des Azakana geformt – er konnte sie zwar nicht abnehmen, doch andere Azakana durch ihre Augen sehen. Sie waren noch keine richtigen Dämonen, sondern labten sich an Negativität, bevor sie letztendlich Gestalt annahmen, um ihre Wirte zu verschlingen. Yone fand jedoch heraus, dass man Azakanas mit den richtigen Namen in reglose Masken aus personifizierter Emotion verwandeln konnte.

Trotz allem wusste er nicht, ob – oder wann – der Azakana auf seinem Kopf erneut erwachen und ihn verschlingen würde. Zu seinen Lebzeiten hatte Yone so lange die Maske des Beschützers, Bruders und Schülers getragen, dass sie seine Identität geworden war. Doch nun schwört er, dass er in Momenten der Stille fühlen kann, wie sich die Azakana-Maske über sein Gesicht schiebt. Seine Vergangenheit und der ungelöste Konflikt mit Yasuo wirken im Vergleich zu dieser neuen Bedrohung unbedeutend.

Yone jagt diese heimtückischen Kreaturen und versucht zu verstehen, was er geworden ist. Jeder neue Name bringt ihn dem Namen jenes Wesens näher, dessen Gelächter ihn immer noch verfolgt.

Alles andere zählt nicht. Nur noch die Jagd nach der Wahrheit.