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Am Abend waren Majas Stiefel völlig vom Schnee durchnässt. Sie konnte mit jedem Schritt spüren, wie eisiges Wasser von ihrer Ferse zu ihren Zehen schwappte, ähnlich einem Häutungsmesser, das an ihrer Fußsohle entlangschabte.
Andere Soldaten hatten ebenfalls zu kämpfen – fünfzehn Meilen in hüfthohem Schnee den Berg hinunter war kein Zuckerschlecken. Doch die Legionäre an der Spitze des Zuges humpelten nicht. Ihre Schritte behielten den zuversichtlichen Rhythmus bei, den sie seit dem Morgen angegeben hatten, und ihre wachsamen Augen waren immer noch auf den Horizont gerichtet.
Wahrscheinlich haben sie bessere Stiefel, dachte Maja. Die Trifarianer sind hart im Nehmen, aber niemand, der gewöhnliche Militärstiefel trägt, ist so hart.
„Hey“, murmelte Zalt. „Wie schlägst du dich?“
Zalt, der einzige Minotaurus des Kriegstrupps, war größer, breiter und älter als der Rest. Auf seinen robusten Hufen pflügte er einen tiefen Graben in den Schnee. Maja war neidisch. „Ich wünschte, ich könnte meine Füße nicht spüren“, entgegnete sie. „Hätte ich keine, könnte mich auch niemand zum Marschieren zwingen.“
„Im letzten Feldzug gegen die Winterklaue habe ich gesehen, wie der Fuß eines Soldaten komplett gefroren war“, sagte Zalt. „Seine Zehen brachen ab, als er sich den Stiefel anzog. Also hat ihm General Darius – Zack! – den Fuß kurzerhand abgehackt.“
Maja blickte den Berg hinunter. An einer Kurve weiter unten an der Straße konnte sie Darius persönlich sehen – die Hand von Noxus, personifizierte Macht. Die riesige Axt des Generals blitzte auf seinem Rücken auf.
„Du hast Glück, hier zu sein“, meinte Zalt zu ihr. „Darius kennt diese Straße besser als jeder andere. Er hat sie während Darkwills Feldzug gebaut. Und wir können ihm helfen, sie zurückzuerobern.“ Eine kleine zornige Flamme brannte in Zalts Augen. „Verfluchte Winterklaue!“
Steile Felswände erhoben sich zu beiden Seiten von Darius’ Bergstraße. Als sie nach oben sah, konnte Maja die Umrisse von Soldaten ausmachen, die dort standen. „Die Späher dürfen auch keine Pause einlegen, oder?“, fragte sie.
„Was?“
Sie deutete hoch. „Die Späher.“
„Welche Späher?“, fragte Zalt.
Dann wandte er den Blick ebenfalls nach oben.
Seine Flüche gingen in der abgehenden Lawine unter.
Zwei weiße Platten lösten sich von den oberen Felswänden über ihnen. Fast unmittelbar danach füllten sie auch schon den Pass. Brocken hartgepressten Schnees krachten in den noxianischen Zug und auf ihrem Weg nach unten verschluckte die Lawine eine Soldatenreihe nach der anderen. Maja machte sich auf den Aufprall gefasst, doch es war wie der Ansturm eines Basilisken. Ein schleudernder Schrecken, eine fürchterliche Schwerelosigkeit – dann Dunkelheit und die erdrückende Last des Winters.
Knirsch! Jemand zog Maja aus den Schneemassen. „Steh auf“, befahl eine Stimme, so durchdringend wie das Klirren von Klingen. „Grab sie aus!“
Sie schüttelte sich und begann zu graben. Und dann wurde ihr klar, dass sie neben dem General höchstpersönlich grub.
Darius fand einen behuften Fuß im Schnee. „Zalt!“, schrie Maja. Sie half dem General, ihn herauszuzerren.
Maja sah erneut den frostigen Abhang hinauf: Weit über ihnen durchsuchten Krieger der Winterklaue die verstreuten Überreste der leblosen noxianischen Körper. Rückzug ist keine Option, dachte Maja.
Darius zählte die Überlebenden. „Offiziere?“, rief er. Zwei Trifarianische Legionäre kamen flink herübergerannt. „Nehmt die Verluste auf. Hinter dem nächsten Bergkamm ist ein Fluss. Dort verschanzen wir uns.“ Darius musterte die angeschlagenen noxianischen Reihen; in seinem Gesicht stand ein kaum gezügelter Zorn geschrieben. „Wenn ihr nicht gehen könnt, dann kriecht.“
Während die bleiche Sonne dem Horizont entgegensank, folgten die Plänkler der Winterklaue dem noxianischen Zug bis hinunter zum gefrorenen Fluss und traktierten die Soldaten mit ihren von Widerhaken versehenen Pfeilen. Allerdings verlangsamte der Beschuss die disziplinierte Trifarianische Legion kein bisschen. Keuchend versuchte Maja, mit ihnen Schritt zu halten.
Der gefrorene Fluss war so breit und rutschig, dass sich die Winterklaue nicht gefahrlos nähern konnte, und wenn die Noxianer das Ufer hielten, konnten sie sich sicher sein, dass ein Angriff von dem Waldstück in der Nähe erfolgen musste. Trotz des sporadischen Pfeilregens aus dem Schatten unter den Kiefern ließ Darius zwei Schneegräben schaufeln, die parallel zum Ufer verliefen. Die Soldaten funktionierten ihre Schilde zu Schippen um und Maja sah, dass Darius es ihnen gleichtat.
„Vergiss das nicht“, sagte Zalt. „Du hast die Hand von Noxus mit der Infanterie graben sehen!“
Danach spitzten sie Pfähle für den äußeren Graben. Darius überprüfte die Verteidigung der Reihe – und hielt bei Zalt inne. „Du kommst mir bekannt vor“, sagte er.
„Ich habe im ersten Feldzug in Freljord mitgekämpft, General!“ Zalt deutete mit dem Kopf auf Maja. „Habe diesem jungen Hüpfer erzählt, dass der noch viel schlimmer war!“
Darius musterte Maja. „Das ist dein erster Einsatz“, stellte er fest.
Maja fragte sich, woher er das wusste. „Ja, General.“
„Verschwende deine Zeit nicht mit Angst“, meinte er. „Es zählt nur, dass du dich dem Feind stellst. Und ihm deine Klinge in die Kehle rammst.“
Maja wusste nicht, was sie antworten sollte. „Ähm …“
Zischhh. Etwas teilte die Luft zwischen ihnen und plötzlich steckte ein Speer in der Wand des Grabens.
Maja wandte sich dem Waldstück zu. Äste bewegten sich, Klingen blitzten auf und Mondlicht glitzerte auf poliertem Knochen.
„Auf Position!“, brüllte Darius.
Als die Noxianer überstürzt in Deckung gingen und ein weiterer Speerhagel zwischen den Bäumen hervorflog, sah Maja, wie ein Soldat stolperte: Ein drei Fuß langer, knorriger Holzspeer steckte in seiner Brust.
Darius schob sich an Maja und Zalt vorbei, während Pfeile mit einem leisen Pling von der Axt auf seinem Rücken abprallten. „Nicht mehr lange. Der Ansturm steht kurz bevor“, sagte er zu ihnen. In seinen Augen brannte wilde Aufregung. „Und dann schlagen wir zu!“
Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da drang ein Knurren zwischen den Bäumen hervor. Ein Rudel sechsbeiniger, katzenähnlicher Schatten stürzte aus der Dunkelheit heraus – geübte, wilde Klauen, die den Noxianern an die Kehle wollten.
Die Winterklaue folgte.
Die Trifarianischen Legionäre stiegen aus dem Graben, um sich ihnen entgegenzustellen, und Maja zog ihr Schwert. Sie konnte sehen, wie Darius seine Axt wie eine Guillotine niederfahren ließ. Sie machte sich kampfbereit und richtete sich auf, als Zalt neben ihr zu Boden ging.
Ein Speer hatte sich tief in seine Schulter gebohrt.
„Geh“, keuchte er, doch Maja wich ihm nicht von der Seite. Die Krieger der Winterklaue hatten sich sofort mit schwingenden Beilen auf sie gestürzt. Zalt wehrte mit seinem unverletzten Arm einen schädelspaltenden Schlag ab und Maja brachte den Angreifer ins Wanken – doch statt ihm den Todesstoß zu versetzen, wandte sie sich Zalt zu.
Sie konnte ihn retten. Sie musste ihn retten!
Maja schob Zalt auf den Fluss zu, fort von der Schlacht, und zusammen schlitterten sie auf das Eis hinter der noxianischen Front hinaus. Als Zalt auf die Knie ging und nach Atem rang, verspürte Maja plötzlich den Drang, mit ihm über den Fluss zu fliehen.
„Nein!“ Zalt konnte ihre Gedanken erahnen. „Ein Noxianer flieht nicht!“
Majas Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie öffnete den Mund, um Zalt zu widersprechen – Ich bin eine Noxianerin, ich bin –, doch die Worte wollten nicht herauskommen.
Dann riss Zalt die Augen auf und eine schwere Hand landete auf Majas Schulter. Sie wusste, wem sie gehörte, bevor sie sich umgedreht hatte.
„Stell dich dem Feind“, knurrte Darius.
„Ich …“
„Kein Wort mehr.“ Mit einer Armbewegung dreht er sie auf dem Eis herum. „Noxianer, die fliehen, sterben“, sagte er.
Durch deine Hand, dachte Maja. Durch diese Axt. Während sie noch starrte, hob Darius die Axt über seinen Kopf und einen Augenblick lang dachte Maja, Das war’s – er richtet mich.
Doch nichts geschah. Ein Pfeilhagel prallte von der flachen Seite der Klinge ab und fiel harmlos um sie herum zu Boden. Dann senkte Darius die Axt wieder. „Noxianer fliehen nicht. Wir siegen“, knurrte er. „Wir machen Hackfleisch aus ihnen, wenn sie uns ans Leder wollen.“
Und plötzlich war Maja wütend – auf die Winterklaue, auf sich selbst und auf ihre Angst. Mit starren, gefrorenen Gliedern stieß sie Zalt beiseite. Sie hörte sein Stöhnen, als er auf das Eis traf – doch sie ließ ihn zurück und Darius tat es ihr gleich. Sie rannte neben ihm im Gleichschritt direkt in den Wirbelwind aus noxianischem Stahl.
Ihre Klingen blitzten auf und Maja schwang ihre, bis ihre Muskeln brannten und ihre Hand von den vielen Aufprallen schmerzte. Mit jedem hämmernden Schlag wiederholte sie: Bleib am Leben. Besiege sie. Mach Hackfleisch aus ihnen.
Bei Sonnenaufgang war die Winterklaue zerschlagen worden.
Als sie zurückkehrten, fanden Darius und Maja Zalt am Flussufer. Seine Brust war mit Pfeilen gespickt. Er war tot.
Maja nahm alles nur noch gedämpft wahr. Sie hatte sich immer wieder gesagt: Vielleicht hat er sich erholt. Vielleicht hat er gekämpft. Doch er war einfach gestorben, wo sie ihn zurückgelassen hatten.
„Ich wollte ihn beschützen“, sagte sie zu Darius. „Er … Er war ein guter Soldat. Ich wollte ihn beschützen.“
Darius hielt inne. „Das war keine gute Entscheidung“, entgegnete er.
Damit hatte Maja nicht gerechnet. „General?“
„Du hättest mit den Soldaten kämpfen sollen, die noch die Chance hatten, dem Tod zu entrinnen.“ Er richtete seinen Blick auf Maja. Sie erschauderte – seine Augen waren wie Stahl. „Der alte Zalt war bereit, zu sterben. Aber du hättest bereit sein sollen, zu kämpfen.“
„J-Ja“, stammelte sie. „Ich … Das kommt nicht wieder vor, General.“
Darius wandte sich nach Norden, den Abhängen der Winterstachel-Berge zu, die in das Licht der Morgendämmerung getaucht waren. Maja konnte die Lagerfeuer dort oben sehen. Rauch stieg zwischen den Bäumen auf.
Die Winterklaue wartete.
„Das hoffe ich“, meinte Darius.