Short Story
Im tiefsten Winter
Von Graham McNeill

Im tiefsten Winter

Von Graham McNeill

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Im tiefsten Winter
Von Graham McNeill

Selbst aus der Ferne konnte Sejuani sehen, dass das Mammut im Sterben lag. Aber wie alle Kreaturen in Freljord kämpfte es mit jeder Faser seines Seins ums Überleben. Ein halbes Dutzend Speere und doppelt so viele Pfeile ragten aus dem verfilzten Fell des kolossalen Tiers, die rostroten Haare steifgefroren vor Blut. Doch es wollte nicht sterben.

Sein wütendes Schnauben ließ den Berghang erbeben und Sejuani blickte immer wieder zum blitzumzuckten Gipfel, aus Angst vor einer Lawine.

Oder etwas noch Schlimmerem …

Purpurne Lichter blitzten hinter den Bergen auf und ließen ihre Spitzen wie Reißzähne aussehen, die sich in den Himmel bohrten.

Sejuani und ihre Jäger vom Stamm der Winterklaue verfolgten das Mammut nun schon eine Woche und hatten es in die flachen Schluchten des Vorgebirges getrieben. Doch es durchbrach ihren Ring aus Speeren und Äxten jedes Mal aufs Neue und floh den kiefernbewehrten Berg hinauf.

Von den zehn Kriegern, die mit ihr aufgebrochen waren, verblieben nur noch sieben.

Drei hungrige Münder weniger, die es zu stopfen galt.

Sejuani bereitete es keine Freude, so denken zu müssen, da es sich um talentierte Jäger und furchteinflößende Krieger handelte. Doch Viljamr, der Seher, sagte einen der bittersten Winter seit Stammesgedenken voraus und die Nahrungsvorräte der Winterklaue gingen schnell zu Neige. Die Viehtreiber der Avarosa hatten die Elnukherden in den Bergen, die sie für gewöhnlich überfielen, bereits nach Süden in das grünere Tiefland gebracht und die Fische des Eismeeres waren unter dickem Packeis gefangen und außer Reichweite.

Sie zog an Bristles Zügel und hielt an, um sich zu sammeln. Der Drüvask grunzte und schüttelte unwirsch sein mächtiges Haupt. Das warme Mammutblut erfüllte seine Nüstern. Die Reittiere der Jäger hielten sich nicht gerne in der Nähe eines Mammuts auf, doch Bristle war kampfeslustig.

„Ganz ruhig“, murmelte Sejuani und löste den steifgefrorenen Schal vor ihrem Mund. Die Kälte traf sie ins Gesicht wie ein plötzlicher Schlag. „Diese Schlacht wird nicht mit Hauern, sondern mit Speeren und Pfeilen ausgetragen.“

„Gut zu wissen, dass auch Eisgeborene diese versvaagte Kälte spüren“, meinte eine verhüllte Gestalt, die neben ihr ritt. Die Stimme des Mannes klang dumpf unter den Fellen hervor, die er um sein Gesicht gewickelt hatte, und Sejuani konnte nur blutunterlaufene Augen ausmachen. Der Rest des Gesichts war unter einer Ledermaske in Form eines brüllenden Bärs verborgen, dessen Schnauze aus dicken, überlappenden Knoten bestand.

Bristle gefiel die Nähe des Mannes nicht und er setzte zu einem leisen Knurren an, doch Sejuani fuhr ihm mit der Hand beruhigen durch das raue, drahtige Fell seiner Flanken.

„Ich spüre sie sehr deutlich, Urkath“, entgegnete sie, „Ich beschwere mich nur nicht.“

Urkath deutete mit dem Kopf den Berg hinauf. „Wie weit will unsere Beute wohl noch hinauf, bevor sie endlich mit uns kämpft?“

Etwa dreihundert Fuß vor ihnen stapfte das Mammut mühsam durch den Schnee und hinterließ eine blutrote Spur in der unberührten weißen Landschaft.

„Nicht mehr lange“, meinte Sejuani. „Sie hat bereits zu viel Blut verloren, um den Gipfel zu erreichen. Vor der Baumgrenze wird das Mammut umkehren.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Urkath.

„Das tue ich nicht“, gab Sejuani zu. „Aber ich wette, es rechnet nicht damit, dass wir ihm weiter folgen.“

„Liegt es da falsch? Noch ein Stückchen weiter und wir betreten das Reich von Jenem, der standhält.“

Bereits der Gedanke an Volibear und die Ursaren ließ Sejuani warmes Blut im Mund schmecken und in ihren Adern spürte sie Blitze zucken.

Die Bilder in ihrem Geist waren grell, scharf und schmerzhaft real. Erinnerungen, die nicht die ihren waren, Empfindungen, die sie nie gefühlt hatte, verwoben sich, als hätte sie sie erst vor wenigen Augenblicken durchlebt.

Fangzähne und Klauen, die Fleisch von Knochen rissen …

Langgezogene Schädel mit leeren Augenhöhlen, in denen kaltes, blaues Feuer brannte …

Ein Pakt und eine geschäftige Stadt, von der nur mehr geschwärzte Holz- und Steinruinen übrig waren …

Dahingemetzelte Leichen, die von verdorrten Ästen hingen, da die Bäume sich lediglich vom Tod nähren konnten …

„Kriegsmutter?“, riss Urkath sie aus ihren Gedanken.

Sejuani wollte etwas erwidern, doch die Worte blieben ihr im Halse stecken. Es war, als blickte ein älterer, primitiverer Teil ihrer Seele durch ihre Augen. Der Teil, der einst zu den wilden Tieren gehört hatte, mit blutigen Knien und wunden Handflächen und aufgescheuerter, bloßer, schlammbedeckter Haut.

Urkath legte eine Hand auf ihren fellumwickelten Arm.

„Kriegsmutter?“, fragte er erneut, diesmal eindringlicher.

Seine Berührung war ihr unangenehm und ihre Nackenhaare sträubten sich. Speichel sammelte sich in ihrem Mund, ihre Lippen spannten sich und sie bleckte die Zähne, bereit, ihm die Kehle herauszureißen.

Sejuani schloss die Faust fest um ihren stachelbesetzten Sattelknauf.

Sie stieß einen zittrigen Atemzug aus, als der heftige Schmerz sie zurück in die Gegenwart brachte und sie im Kopf wieder klar wurde.

„Fass mich nicht an“, fauchte sie mit blitzenden Augen, die an das blasse Blau des Winters erinnerten, und ihr Tonfall war noch frostiger als die Winde der Berge.

Urkath zog seine Hand rasch zurück und musterte sie wachsam. „Verzeih, Kriegsmutter, doch wer die Lande der Verlorenen ohne Erlaubnis betritt … ist todgeweiht.“

Bevor Sejuani antworten konnte, schob sich der Schatten eines Mannes mit dem breiten, gehörnten Helm der Krieger von Lokfar vor die niedrigstehende Sonne.

Lokfar, die Halbinsel an der Küste, war eine der unwirtlichsten, kältesten und brutalsten Regionen von Freljord und nur wer Feuer im Blut hatte, konnte dort überdauern.

Die ansässigen Krieger waren für gewöhnlich stämmig, hager und stoisch.

Sejuani hatte viele Jahre an der Seite von Olaf dem Berserker Blut vergossen und wusste, dass er nichts davon war. Selbst zu Fuß war er noch der größte Freljorder, den sie je gesehen hatte, und gleichauf mit Sejuani und Urkath, die auf ihren Reittieren saßen. Man munkelte, dass Olafs Mutter die Schlafstätte mit einem Troll geteilt hatte und ihr Sohn deshalb so gewaltig war. Doch niemand wagte es, ihm das ins Gesicht zu sagen.

Er stürzte sich in die unbarmherzige Umarmung eines nahenden Schneesturms, als handele es sich um einen Spaziergang, und die Felle und Eisenplatten vor seiner Brust und an seinen Armen ließen seinen mächtigen, muskulösen Körper noch kräftiger erscheinen.

Die Zöpfe seines Barts waren zu feurigen Stacheln gefroren und seine blassen Augen leuchteten bei dem Gedanken an eine Schlacht auf dem Gipfel des Berges.

„Todgeweiht, so, so“, meinte Olaf und schritt an ihnen vorbei. „Das gefällt mir.“




Das Mammut sank etwa einen Speerwurf von der Baumgrenze entfernt auf die Knie.

Sein Blut tränkte den Schnee und Sejuani hatte fast Mitleid mit der Kreatur, die sich so nah an die Grenze zwischen dieser Welt und den schrecklichen Dingen in den tobenden Stürmen des Gipfels gewagt hatte.

Doch sie konnte sich solche Gefühle nicht leisten. Ein Tier dieser Statur konnte die Winterklaue eine ganze Woche lang ernähren – wer in Freljord einen Tag, eine Stunde oder auch nur einen Atemzug länger lebte, hatte schon einen Sieg davongetragen.

Sejuani glitt von Bristles Rücken herunter und ihre Jäger taten es ihr gleich. Sie landeten im Schnee und lösten die langen, dicken Speere von den Sätteln ihrer Reittiere. Sejuani griff sich über die Schulter und machte die Riemen los, die ihren mächtigen Streitflegel, Zorn des Winters, festhielten.

Sie machte sich auf den Schmerz gefasst, packte den lederumwickelten Griff und schwang ihn um ihren Körper herum. Die tödliche Kälte des wahren Eises konnte sie deutlich am Ende der robusten Kette spüren. Ihre blauen Augen strahlten blass und sie stieß den Atem aus, als das quälende Eis sie durchfuhr.

Der Streitflegel war eine mächtige Waffe, doch sie hatte ihren Preis.

Unter ihrer Haut bildeten sich leuchtend blaue Linien, die hart wie Kristalle anmuteten, die Adern ihres Unterarms durchzogen und bis hinauf zu ihrem sehnigen Bizeps reichten.

Urkath zückte sein großes Langschwert mit dem Griff aus den Kieferknochen eines Reifzahnwolfs. Die Klinge konnte selbst Stein durchtrennen. Olaf packte seine mächtigen Äxte, die mit Raureif überzogen waren und schimmerten.

„Meine Klingen dürstet es nach Blut“, knurrte er und knirschte erwartungsvoll mit den Zähnen. Blut tropfte auf seine Lippen, wo er sich auf die Innenseiten seiner Wangen gebissen hatte.

„Wir machen das anständig“, warnte Sejuani. „Gemeinsam. Keine Heldentaten.“

Olaf grinste und nickte. Seine Augen waren glasig und er verfiel bereits in den Blutrausch des Berserkers.

Sejuani ging einen Schritt auf das Mammut zu, hob ihren Streitflegel und zeigte dem Tier die glitzernde Kälte des wahren Eises.

„Steh auf“, befahl sie. „Du bist der König Freljords. Du stirbst nicht am Boden.“

Das Mammut sah sie finster an und kämpfte sich wieder auf die Füße. Ihre Worte hatten ihm wohl neue Kraft gegeben. Es warf sein zotteliges, stoßzahnbewehrtes Haupt in den Nacken und stieß ein trotziges Brüllen aus. Es hallte in den Bergen wieder wie das legendäre Carnyx des Schmiedegottes, ein Kriegshorn, das auf der ganzen Welt zu hören war.

Schnee wurde von den Bäumen geschüttelt und verdeckte den tobenden Sturm am Gipfel.

Das Mammut senkte den Kopf und stampfte mit seinen riesigen Vorderbeinen auf, die so dick waren wie die Eisenholzbäume, die die Ornnkaal-Felsen umgaben. Es schwenkte seinen Kopf von links nach rechts und präsentierte die gezackten, schwertartigen Stoßzähne, die einen Krieger mit einem einzigen Treffer aufspießen konnten.

„Wir bescheren dir einen guten Tod, du hast mein Wort“, versprach Sejuani.

„Einen ruhmreichen Tod …“, presste Olaf zwischen den blutigen Zähnen hervor, doch Sejuani war sich nicht sicher, wessen Tod er meinte.

Die Jäger der Winterklaue verteilten sich mit gezogenen Waffen. Die Krieger mit den Speeren flankierten das Mammut zu beiden Seiten, während Sejuani, Olaf und Urkath sich der Herausforderung frontal stellten.

Mit zornigem Gebrüll setzte das tödlich verwundete Tier zum Ansturm an.

Es war wild und viel schneller als erwartet.

Das Mammut wirbelte den Schnee auf und schleuderte große schwarze Steinbrocken und blutiges Eis.

Sejuani und Urkath hechteten zur Seite, doch Olaf sprang mit einem Brüllen, das dem seines Widersachers alle Ehre machte, auf die Kreatur zu. Seine Axt traf das Mammut mitten auf der Stirn, die Klinge grub sich jedoch nur einen Finger breit hinein, bevor sie von dem dicken Schädelknochen abrutschte. Mit einem lässigen Schlenker seines Rüssels schleuderte das Mammut den Berserker über seinen Rücken. Olaf prallte hart auf den Stein hinter dem Tier und kam der steilabfallenden Felswand gefährlich nahe. Mit einem ausgelassenen, irren Lachen sprang er auf.

Sejuani rollte sich ab, kam wieder auf die Füße und beschrieb mit Zorn des Winters einen Halbkreis.

Das wahre Eis des Streitflegels, den sie mit beiden Händen führte, krachte von hinten gegen das Knie des Mammuts.

Es wankte und stolperte, als das Bein unter ihm einknickte.

Das Tier schlug krachend auf dem Boden auf und kam rutschend zum Stehen, während es versuchte, sich auf seinem verletzten Hinterbein aufzurichten. Sejuanis Krieger rückten näher und rammten ihm die Speere mit der grimmigen, erbarmungslosen Präzision von Jägern, die ihre Beute schon viele Male auf diese Weise erlegt hatten, in die Flanken.

Sie stießen mit den Speerspitzen zu, drehten die Griffe und zogen sich dann wieder in sichere Entfernung zurück.

Das Mammut brüllte und bäumte sich auf, als das Eisen seinen Körper durchbohrte und frisches Blut auf den Schnee tropfte. Bei einer erfolgreichen Jagd ging es nicht um Ruhm oder Ehre; es ging hauptsächlich darum, die Beute müde zu machen, sie zu verwunden und zu zermürben, bis sie sich nicht mehr wehren konnte.

Dann erst tötete man sie.

Einer ihrer Krieger rutschte im Schnee aus. Das Mammut bewegte sich ruckartig zur Seite und stampfte mit einem mächtigen Vorderbein auf. Der Schrei des Mannes wurde sofort erstickt, als er unter dem massiven Fuß zu blutrotem Brei zerquetscht wurde.

Die anderen Jäger wichen schwer atmend zurück und hielten nach einer Gelegenheit für den nächsten Angriff Ausschau.

Das Mammut fegte mit seinen tödlichen Stoßzähnen hin und her, drehte sich und bewegte sich auf den Klippenrand zu. Sejuani rannte mit schwingendem Flegelkopf nach links. Urkath hielt sich rechts und hob sein Schwert auf Schulterhöhe.

Als Olafs heulender Kampfschrei ertönte, widerstand Sejuani der Versuchung, den Kopf zu drehen.

Er stürmte kopfüber mit seiner Axt, die im schwindenden Licht silbern aufblitzte, auf das Mammut zu.

Die Kreatur senkte den Kopf und machte sich bereit, den Berserker mit seinen Stoßzähnen zu zerfleischen.

Der Blutrausch hatte Olaf gepackt und in einen grausamen Killer verwandelt, eine lebende Verkörperung des Todes. Das Mammut schwang sein Haupt nach oben und Olaf sprang in die Luft, um sich mit seiner freien Hand an einem der schlitzenden Hauer festzuhalten. Er nutzte den Schwung des Tieres, um sich über dessen Kopf zu katapultieren und landete auf dem zotteligen Rücken des Mammuts.

Seine Axt fuhr nieder wie bei einem Holzfäller, der sich an einer zähen Wurzel zu schaffen macht.

Das Mammut bäumte sich auf, um den Berserker abzuschütteln, doch Olaf war schon auf wilderen Monstern geritten. Er hielt sich an dem langen Fell fest und ließ die Axthiebe auf den Rücken des Tieres niederprasseln. Urkath nutzte die Gelegenheit und stürzte sich auf die Kreatur, um ihr mit erhobenem Schwert die entblößte Kehle durchzuschneiden.

Der Rüssel des Mammuts schlang sich wie ein Tentakel der knochenlosen Wesen, die manchmal aus den Tiefen des Ozeans an die Küste von Yadulsk gespült wurden, um seinen Körper. Der haarige Riese schleuderte Urkath hoch in die Luft und ließ ihn dann auf einen spitzen schwarzen Felsen niederfahren.

Sejuani hörte trotz des Schmerzensschreis, wie sein Rückgrat splitterte.

Noch zwei weitere Male schlug das Mammut Urkath gegen den Felsen, bevor es den Körper beiseite warf.

Urkaths blutige Überreste fielen auf den Schnee – sein Torso zerschmettert, seine Arme und Beine unnatürlich verdreht. Sejuani schrie auf und sprintete vorwärts, während Olaf sich weiterhin durch das dicke Fell der Kreatur hackte, um an sein Rückgrat zu gelangen.

Die Augen des Tieres waren wild vor Schmerz und Zorn, doch es sah sie trotzdem kommen.

Das Mammut brüllte und schlug mit den Stoßzähnen nach ihr, so schnell, dass sie kaum ausweichen konnte.

Aber dennoch nicht schnell genug …

Sejuani ließ sich in den Schnee fallen und rutschte auf dem Rücken bis unter den Bauch des Tieres. Sie hielt den Griff von Zorn des Winters in der einen Hand und schrie auf, als sie den Splitter des wahren Eises am Ende der Kette mit der anderen packte.

Der Schmerz war unerträglich, als hielte sie ihre Hand mitten in ein loderndes Feuer.

Sie rammte den Splitter tief in die Brust des Mammuts und wandte den Blick von den sprühenden blauweißen Funken ab, als er sich in seinen Körper bohrte.

Sejuani glitt unter dem Tier hervor und sprang wieder auf die Füße. Das wahre Eis fiel ihr aus der gefühllosen Hand. Ihre Finger waren schwarz und mit Erfrierungen übersät.

Das Mammut taumelte, als ihm das große Herz in der Brust gefror und das Blut in seinen Adern zu Eis erstarrte. Seine Augen nahmen das Weiß eines Schneesturms an und es versuchte sich mit letzter Kraft auf den Beinen zu halten.

„Olaf, runter da!“, brüllte Sejuani. „Olaf!“

Ihre Stimme duldete keine Widerrede. Sie drang trotz des Blutrausches zu Olafs Bewusstsein vor und er schwang sich mit einem Salto vom Rücken des Tieres.

Schwer atmend kam er neben ihr auf dem Boden auf. Seine Pupillen waren geweitet und seine Axt blutgetränkt.

Sejuani setzte zum Sprechen an, doch die Schmerzen übermannten sie. Sie hoffte, das war ein Zeichen dafür, dass ihre Hand noch gerettet werden konnte. Ihre Finger brannten und sie verbarg sie tief unter ihren Fellen, um sich die Qualen nicht anmerken zu lassen.

Das Mammut taumelte, schwankte und zog sein Hinterbein hinter sich her, während sein Blut immer weiter erkaltete. Die Jäger kamen noch näher, ihre Speere in Angriffsposition, doch Sejuani gebot ihnen Einhalt. Die Jagd war vorbei. Die Kreatur stand mit dem Rücken zur Klippe und war in die Enge getrieben.

Auch wenn das Mammut wusste, dass es geschlagen war, stand es mit erhobenem Haupt.

Es hatte bis zum Schluss gekämpft und Sejuani hob ihre Waffe, um seinen Kampfesgeist zu ehren.

Das Tier machte sich nichts aus der Geste und starrte sie nur an.

Dann tat es plötzlich einen Schritt zurück und stürzte in die Tiefe.

Sejuani rannte zum Rand der Klippe und sank auf die Knie. Das Mammut fiel Tausende Fuß den Berg hinab und prallte schließlich auf dem schweren Schnee auf.

„Svaag!“, fluchte sie und ballte ohne Rücksicht auf ihre Verletzungen die Fäuste.

Olaf stand über ihr und beugte sich gefährlich weit über den Abgrund.

„Wir klettern einfach hinunter und zerlegen es dann“, meinte er achselzuckend. „So müssen wir das Vieh nicht den Berg runterschleppen.“

Sejuani seufzte und wollte ihm schon zustimmen, als in der Ferne ein Knacken ertönte. Dieses Geräusch kannten bereits Säuglinge in den Armen ihrer Eltern.

Das Krachen von brechendem Eis.

Ein Netz aus kantigen schwarzen Rissen breitete sich um den Körper des Mammuts herum aus und Sejuani begriff, dass es nicht auf einer weiten Fläche der Tundra gelandet war. Es handelte sich um die gefrorene Oberfläche eines Gebirgssees, der sich in einer tiefen Senke gebildet hatte.

Das Eis zersplitterte in gezackte Schollen und Sejuani musste mit einem Gefühl schrecklicher Unausweichlichkeit mitansehen, wie der Körper des Tieres in den eisigen schwarzen Tiefen verschwand und für immer verloren war.

„Svaaaaaaag!“




Aller Annahmen über den menschlichen Körper zum Trotz war Urkath noch am Leben.

Seine Rippen waren gebrochen, sein Rückgrat zerschmettert und doch atmete er, als Sejuani und Olaf neben ihm in die Hocke gingen. Er hatte es sogar geschafft, sich aufzurichten, und lehnte nun an eben jenem Felsen, der sein Rückgrat zerstört hatte. Sein Atem ging flach und abgehackt.

„Der Wolf ruft mich nach Hause …“, flüsterte er kaum hörbar mit einem schmerzverzerrten Grinsen.

„Das Lamm würde nicht im Traum daran denken, dich zu holen, Urkath“, entgegnete Sejuani und nahm seine Hand. „Wir sind die Winterklaue. Wir setzen nicht wie die Schwachen ins Jenseits über.“

Urkath nickte. „Mein Schwert?“

Olaf drückte Urkath die Waffe in die Hand und schloss die Finger des Mannes um den Griff.

„Die Geschichte deiner letzten Jagd wird man sich noch viele Jahreszeiten lang an den Herdfeuern erzählen“, sagte der Berserker mit melancholischer Stimme. „Ich beneide dich.“

Urkath hustete und spuckte Blut. „Ich würde sofort … mit dir tauschen, mein Großer.“

„Nein“, entgegnete Olaf traurig. „Das glaube ich nicht.“

Urkath wandte den Kopf ab und während das Licht in seinen Augen erlosch, sagte er: „Die Götter … gewähren mir einen schönen Anblick … im Tod …“

Sejuani folgte seinem Blick zum Berggipfel, wo karmesinrote und bernsteinfarbene Nordlichter die Blitze vertrieben hatten. Das Licht tauchte den Himmel in wunderschöne Farben, die so magisch wie seltsam anmuteten.

Sie bemerkte Urkaths blutbefleckte Maske im Schnee und streifte sie ihm über das leblose Gesicht.

„Der Wolf wird bald hier sein“, flüsterte Sejuani. „Jag dem alten Bastard für mich einen Schrecken ein.“




Sie ließen Urkath dort liegen, an der Grenze zwischen dem Reich der Sterblichen und den Verlorenen.

Sein Körper gehörte jetzt Freljord, sein Geist würde die Eiswinde durchstreifen, bis die kalte, primitive Seele des Landes einen Nutzen für ihn fand.

Übel gelaunt stiegen sie den Berg hinab.

Weiter zu jagen war zwecklos. Sie hatten nur noch ein paar Bissen, die bis zum Lager der Winterklaue, zwei Tagesmärsche im Westen, reichen mussten.

Erschöpft und ausgehungert schwankte Sejuani in Bristles Schatten, ihre gefrorene Hand kribbelte unter den Fellen.

Olaf hielt zu Fuß mit ihr Schritt, in Gedanken versunken und schlecht gelaunt.

Die Nacht ergriff sie, als sie den Fuß der Berge erreichten und hinter einem gigantischen Hinkelstein, der sie vor dem eisigen Wind schützte, ihr Lager aufschlugen. Einst war er Teil eines großen Steinkreises auf diesem Berg gewesen, doch ein Erdbeben hatte ihn zum Absturz gebracht. In seine glatte Oberfläche waren uralte Symbole geritzt, die niemand deuten konnte, und ein Paar gefrorener Skelette lag umschlungen an seiner Seite. Eine mit Eis überzogene Klinge ragte aus ihren Körpern.

Waren sie Liebende oder erbitterte Feinde?

Mit dem Morgengrauen kamen Schneefälle und kalte Winde von den hohen Gipfeln, als würde der Berg sie von seinen Hängen vertreiben wollen. Ihr Weg nach Hause führte sie vorbei an den Überresten eines Dorfes, das einst an dem Ort gestanden war, an dem sich die Straße in den Bergpass verwandelte. Seine Gebäude waren nunmehr nichts als geisterhafte Gruften, die Einwohner tot oder seit langer Zeit weg.

Zum Nachtgrauen des zweiten Tages konnten sie das Lager der Winterklaue erkennen.

Ein paar flackernde Fackeln kennzeichneten den Rand des Lagers und Sejuanis Herz wurde schwer, als sie erkannte, wie wenige übriggeblieben waren. Vor nicht allzu langer Zeit, als sie ihre Anhänger erstmals zu sich gerufen hatte, waren sie noch Tausende gewesen, doch der Hunger und die Härte der Jahreszeiten hatten Sejuani gezwungen, ihr Heer aufzuteilen.

„Wie geht es dir?“, fragte Olaf, als sie auf die Lichtquellen zustampften. Seine ersten Worte, seitdem sie sich an den Abstieg gemacht hatten.

„Endlich spricht er“, antwortete Sejuani, von seiner Verdrossenheit gereizt.

„Ach, kümmere dich nicht um mich“, sagte Olaf. „Jedes Mal, wenn mich der Blutrausch packt, hoffe ich, dass es das letzte Mal ist. Dass ich endlich ruhmvoll sterben werde. Und jedes Mal, wenn er vergeht, bin ich betrübt, weil ich einem friedvollen Tod einen Schritt näher bin.“

Sejuani zuckte mit den Schultern. „Fürchte dich nicht, Olaf. Wir sind von Feinden umgeben, ich verspreche dir Tage voller Blut und Schlachten, Nächte voller Tod und Raserei.“

Olaf grinste und seine düstere Miene verschwand wie der Schnee im Sommer.

„Schwörst du?“

„Ich schwöre“, versicherte ihm Sejuani. „Aber um deine erste Frage zu beantworten, Viljalmr wird es als schlechtes Omen deuten, wenn die Anführerin des Stammes mit leeren Händen von ihrer Jagd zurückkehrt.“

„Die Pocken auf ihn“, spuckte Olaf. „Seher sprechen immer nur in Rätseln und überbringen nichts als schlechte Vorzeichen. Eher würde ich einem Südländer vertrauen.“

Sejuani erkannte die Gelegenheit und fragte: „Wirst du mir irgendwann erzählen, warum du in den Süden gegangen bist?“

„Nein“, sagte der Berserker. „Ich glaube nicht. Manche Geschichten sollen besser in der Vergangenheit bleiben.“




Sejuani bürstete Bristles Fell und steckte in jeden Strich die Wut, die sie seit der Versammlung im überdachten Langhaus erfüllte. Wie sie befürchtet hatte, deutete der Seher Viljalmr ihre Rückkehr ohne Fleisch zum Pökeln als düsteres Zeichen. Während er die Feuergrube umkreiste und sein Umhang aus Rabenfedern im warmen Licht der Flammen glitzerte, weissagte er den Anführern der Klaue, dass der kommende Winter der härteste ihres Lebens sein würde.

Olaf verspottete ihn, sagte, dass ein Kind das erkennen könnte.

Die anderen jagenden Klauen konnten ebenfalls kaum Erfolg vorzeigen – Svalyeks Klaue hatten sechs Elnuks von einem Viehtreiber der Avarosa genommen, der seine Herde erst zu spät in grünere Gefilde geführt hatte, und Heffnars Gruppe hatte eine kleine Gruppe von Hornrobben auf dem Land eingekreist und erlegt.

All das war nicht annähernd genug, doch es würde den Hunger des Stammes zumindest für ein paar Tage stillen.

Die Furcht stachelte die Stammesmitglieder an und sie verlangten schreiend zu wissen, was sie tun würde, wie sie ihr Volk bis zum Frühlingsruf am Leben erhalten würde. Darauf hatte Sejuani keine Antwort. Zornige Stimmen erfüllten die Nacht mit kaum durchdachten Ideen, wie sie überleben könnten.

Einige meinten, sie sollten nach Süden zu den Ornnkaal-Felsen marschieren und mit den Avarosa Frieden schließen, doch diese Vorschläge wurden schnell von Gunnak, dem kriegerischsten Heerführer von Sejuani, widerlegt. Mit seiner Axt schlug er gegen seine tätowierte Brust und verlangte, mit ihren Klauen eine rote Schneise tief ins Land der Avarosa zu ziehen und einen ruhmvollen Tod zu erlangen.

Sejuani musste zugeben, dass ihr die Vorstellung, mit gezückter Klinge in die südlichen Tieflande zu reiten, trotz ihrer selbstmörderischen Vergeblichkeit gefiel. Andere meinten, sie sollten eine weitere Jagd wagen. Schließlich gab es noch genug Licht und Nahrung für einen weiteren Feldzug.

Dieser Vorschlag traf auf nickende Köpfe, bis Jagdführer Varruki erklärte, dass es kaum genug Nahrung für die Jäger gab und bis zu ihrer Rückkehr alle erfroren und verhungert sein würden.

Zurückhaltend wurde auch vorgeschlagen, den Stamm aufzulösen, damit sich jede Familie selbst in der Wildnis durchschlagen könnte. Schließlich wären doch kleinere Gruppen leichter zu ernähren …

Sejuani erstickte solches Gerede sofort im Keim.

Sie wusste, dass es auch so schon schwer genug sein würde, den Stamm in den Frühlingsmonaten wieder zu versammeln. Ihn in noch kleinere Gruppen aufzuteilen, würde nur dazu führen, dass sich jede Gruppe von der Winterklaue abwenden und versuchen würde, im Süden ein neues Leben aufzubauen.

In Freljord bedeutete Gemeinschaft Leben, Trennung hingegen den Tod. Niemand konnte alleine durchhalten und nur durch den gebündelten Willen des Stammes, sogar eines harten und unbarmherzigen wie der Winterklaue, war das Überleben erst möglich.

Und außerdem würde der Süden ein Leben als Gefangener der Felder, der steinernen Heime, der grasenden Herden bedeuten. Dies war nicht der Weg der Winterklaue, und er würde es niemals sein.

Sejuani würde lieber mit heißem Blut in ihren Adern und einer Klinge in ihrer Hand sterben als alt und gebrechlich nach Jahren des Wühlens in der Erde.

Letztendlich war Viljalmr auf sie zugegangen und hatte ihre Autorität offen infrage gestellt.

Wie sollte die Winterklaue überleben?

Einst hätte sie ihn für einen solchen ehrfurchtslosen Akt niedergeschlagen, doch seine Frage war angemessen und jeder im Zelt wusste das.

Ihr Volk brauchte eine Anführerin, die furchtlos Entscheidungen über Leben und Tod treffen kann, also versicherte sie den versammelten Anführern, dass sie ihre Antwort bekommen würden, wenn das Licht des Morgens sich über die Gipfel erstreckt.

Jetzt, während sie die dicken Borsten auf Bristles Rücken bürstete, fühlte sie, wie sich der tobende Sturm ihrer Gedanken endlich beruhigte. Ihr riesiges Tier zu pflegen, vermochte Sejuanis Emotionen immer zu beschwichtigen, und erinnerte sie an eine Zeit, als alles einfacher war. Doch ein Teil von ihr wusste, dass das Leben nie einfacher war, nicht wirklich.

Sie dachte zurück an die Zeit, als sie Ashe zur Winterklaue gebracht hatte, nachdem sie sie alleine und verstoßen auf dem Eis gefunden hatte. Sie lächelte und erinnerte sich daran, wie ihre Kindheitsfreundin Sejuani mit einer Ursarin verwechselt hatte.

Sie strich Bristles Fell fester, als sie daran dachte, wie Ashe sie verraten und sich beim Überfall auf die Ebrataal von Sejuani abgewendet hatte. In diesem Augenblick wurde Sejuani klar, dass die Winterklaue niemals Frieden mit den Avarosa schließen würde.

Bristle grunzte gereizt und stampfte mit den Hufen.

„Vorsicht, Mädchen, das Tier wird unruhig“, hörte sie eine Stimme hinter ihr.

Sejuani fuhr herum und griff nach dem Messer an ihrer Hüfte.

In der Ecke der Koppel lag eine Gestalt, klein und nutzlos wie ein Haufen Lumpen.

Sie ließ ihr Messer los und erschrak, als sie sah, wer mit ihr gesprochen hatte.

Auf einem notdürftigen Strohbett lag ein jämmerlicher alter Mann, der schon vor Jahren auf dem Eis sich selbst überlassen werden hätte müssen. Seine Beine waren Stümpfe und endeten kurz über dem Knie, seine blinden Augen weißgefleckt wie ein Möwenei.

Sein Name war Kriek, er war einst der Seher von Olgavannas Stamm von Bauern und Handwerkern, die dem Ruf von Sejuanis Banner nicht gefolgt waren. Also hatte sie Urkaths Kriegsklaue ausgesendet, um sie zu vernichten und ihre Herden an sich zu nehmen, ihre Felle, ihr Eisen und ihr Salz. Die Überlebenden waren die Hänge eines Berges hinauf geflohen, dessen Gipfel gefüllt war mit einem roten, fließenden Felsen.

Urkath war mit Kriek auf seinem Rücken zurückgekehrt und wirkte verwirrt, als Sejuani zu wissen verlangte, warum er ein nutzloses, hungriges Maul mitgebracht hatte. Urkath behauptete, die Ursaren hätten sie vom Berg getrieben und erzählte von von Klingen durchdrungenen Titanen in blutigem Fell und mit Hörnern sowie gähnenden Schädeln und Fäusten, die Feuer schleuderten.

Er sagte, der Berg hätte ihm befohlen, den blinden Mann mitzubringen, und ließ ihn kurzerhand am Rand des Dorfes fallen. Sejuani hatte Befehl erteilt, dass niemand dem Seher Nahrung bringen dürfe, dass er Freljord überlassen werden sollte. Doch hier war er, viele Monate und Meilen von dieser Schlacht entfernt, am Leben und, noch befremdlicher, immer noch unter der Winterklaue.

„Man erzählt sich, du hättest auf dem Berg das Reich der Verlorenen erblickt“, sagte Kriek. „Darum beneide ich dich nicht, Mädchen. Ich habe sie einst gesehen, als du uns in die Wiege des Feuers getrieben hast.“

Sejuani vergaß kurz ihren Ärger und antwortete „Du hast nichts gesehen. Du bist blind.“

Kriek nickte und sagte: „Oh, ich habe sie gesehen, genauer als das Adlerauge eines Bogenschützen. Weiß und golden in den Wolken, ihr Blut Blitze, ihre Stimmen Donner. Ich habe sie gesehen.“

Sejuani starrte in das trübe Weiß seines Blicks.

„Diese Augen haben viele Jahre nichts erblickt.“

„Das stimmt“, sagte Kriek. „In meinem zehnten Winter wurde die Welt für mich weiß, doch manche Dinge lassen sich ohne Augen besser erkennen, mein Mädchen!“

Sejuani legte die flache Seite ihrer Klinge gegen Krieks Hals und sagte: „Nenn mich noch einmal Mädchen und ich schlitze deine Kehle hier und jetzt auf.“

„Ah, richtig, du bist ja kein Mädchen, du bist die Kriegsmutter, nicht wahr? Daran solltest du nächstes Mal denken, wenn dir ein Seher sagen will, was du tun sollst“, lachte Kriek und zeigte mit seiner schmutzigen Hand auf sie. „Hör mir zu. Du kennst die Geschichten von Kriegern, die eine Hand oder ein Bein verloren haben und schwören, sie könnten immer noch die Kälte in ihnen fühlen? Dasselbe gilt für meine Augen. Heute sehe ich mehr als je zuvor, mehr als ich je sehen wollte. Du hättest dir schon lange mit diesem Messer hier die Augen ausgestochen, wenn du nur die Hälfte von dem gesehen hättest, was ich gesehen habe.“

„Du weißt nicht, was ich gesehen habe“, sagte Sejuani.

„Das stimmt“, sagte Kriek und lehnte sich vor. „Seit dieser Nacht, in der du und dein Geistwanderer den Verlorenen Opfer dargebracht habt … Ihr habt die Eide gesungen, das Holz im Todesknoten verbrannt und die Waffen und Knochen dargebracht, also was hast du gesehen? Tage voller Blut und Schlachten, Nächte voller Tod und Raserei?“

Der bloße Gedanke an das Gemetzel in der Stadt am Fluss erfüllte Sejuani mit einem Hunger nach rohem Fleisch, einem Durst nach dem Mark zersplitterter Knochen.

Sie schüttelte das Verlangen ab und fragte: „Wie kommt es, dass du am Leben bist? Ich habe meinem Volk befohlen, dich nicht zu füttern, dich zurückzulassen.“

„Der alte Ornn hat mir Nahrung gegeben“, sagte Kriek. „In der Wiege des Feuers, bevor deine Mörder aus dem Rauch gestiegen waren. Hat mich wie ein Kind an sich genommen und mich mit einem Mundvoll Brühe aus seinem großen Kessel genährt. Das hat er, ja!“

Sejuani seufzte. Kriek war zweifellos dem Wahn verfallen, doch sie war vor allem verärgert, dass jemand der Winterklaue diesem alten Narren Nahrung gegeben hatte, während ihre Leute Hunger leiden mussten. Sie wollte sich erheben, doch der alte Mann umklammerte fest ihr Handgelenk.

„Bei meiner Ehre, nicht ein Bissen hat meine Lippen berührt, seit mich dein toter Mann vom Berg heruntergetragen hat“, sagte Kriek und durchbohrte sie mit seinen leblosen weißen Augen, als würde etwas Anderes sie aus ihnen anstarren, etwas unendlich Älteres und Weiseres. „Keinen Bissen habe ich genommen. Und auch keinen Schluck! Ornns großer Kessel hat das bewirkt! Niemand, der je aus ihm isst, sollte Hunger und Durst leiden. Ein Mundvoll und der Magen knurrt ein ganzes Jahr nicht!“

„Ornns Kessel?“, spottete Sejuani. „Der ist nichts als eine Legende. Ein Wunschgedanke. Ein verlorenes Märchen, das man Kindern erzählt.“

„Und was glaubst du, woher diese Märchen kommen, wenn nicht von der Wahrheit?!“, fuhr Kriek sie an und hob die Felle an, die seinen Körper bedeckten. „Sieht das für dich wie ein Wunschgedanke aus?“

Sejuani schnappte nach Luft, als sie Krieks Oberkörper sah, sein Fleisch rosig, sein Bauch voll und fett. Sejuani war blass wie Bein, ihre Handgelenke zu schmal, die Haut über ihre Knochen gespannt, hungrig nach Fleisch, Fett und Fisch.

„Wie …?“, fragte Sejuani.

„Ich hab’s dir gesagt“, antwortete Kriek. „Ornns großer Kessel. Die Verlorenen haben ihn aus Bosheit von der Wiege des Feuers gestohlen. Sie sagten, Ornn wäre zu gut zu den Sterblichen, dass sie verwöhnt und schwach werden würden, wenn sie ihre Bäuche jederzeit füllen könnten! Also haben sie seine Anhänger getötet und den Kessel auf ihren Berg gebracht, weit nach oben, wo seine Macht jetzt den Himmel blutrot färbt. Ornn ist geschickt, weißt du. Seine Magie ist zu gerissen, um ewig verborgen zu bleiben. Sogar die Verlorenen können eine Macht wie diese nicht verstecken! Frag deinen Geistwanderer. Wenn er noch weiß, dass er ein Mann ist, so wird er dir sagen, dass ich die Wahrheit spreche!“

Sejuani schüttelte den Kopf. „Udyr ist weg. Er ist in den Schneesturm gegangen. Hat gesagt, er braucht eine Pause von den Geistern, die in ihn eindringen wollen. Hat gesagt, er muss einen Weg finden, seinen Willen zu stärken.“

„Dann liegt die Entscheidung alleine bei dir, Kriegsmutter“, sagte Kriek. „Was soll es sein? Die alten Gebräuche? Gefroren auf deinen Knien oder soll dein Blut den warmen Boden der Südlande tränken? Oder willst du zurückholen, was die Verlorenen gestohlen haben? Du hast dich ihnen bereits gestellt, warum also nicht ein zweites Mal, hm?“

Die Geschichte des alten Mannes war reiner Wahn, nicht wahr? Wie könnte sie nur ihr Volk überzeugen, auf Geheiß eines Verrückten die Berge der Ursaren zu erklimmen?

Freljord war ein Ort voller finsterer Geheimnisse, wo Legenden über das Eis wandelten und in jedem Atemzug Magie steckte. Manche flüsterten, dass sich Ashe zum legendären Bogen der Avarosa vorgekämpft hatte, und Sejuanis Kräfte der Eisgeborenen waren Beweis genug, dass Magie mit dem Gefüge des Landes verwoben war … und doch …?

„Warum solltest du mir helfen?“, fragte Sejuani. „Meine Krieger haben deinen Stamm getötet.“

„Verstehst du immer noch nicht, Kriegsmutter?“, fragte Kriek und seine Stimme wurde tiefer, dumpf und melodisch. „Wir alle sind ein Stamm und es ist höchste Zeit, dass auch du das erkennst. Du denkst nicht weit genug, wie ein Kämpfer, der nur den Feind vor ihm sieht. Du musst wie eine Kriegsmutter denken, wie eine Königin! Es gibt eine Zeit für Kämpfer, eine Zeit für Anführer und, ja, auch eine Zeit zum Sterben. Aber es kommt eine Zeit, zu der die Söhne und Töchter von Freljord zusammenhalten müssen, oder ihr alle werdet sterben, einer nach dem anderen. Und der erste Schritt auf diesem Weg ist, am Leben zu bleiben. Sag, dass du mich hörst, Tochter von Kalkia.“

Sejuani nickte und sagte: „Ich höre dich.“




Sejuani ließ Kriek und Bristle in der Koppel zurück. Das erste Licht erklomm die Berge und sie hielt inne, um die Ankunft eines neuen Tages zu genießen.

Sie konnte das orangene Leuchten des erlöschenden Lagerfeuers im Langhaus erkennen, wo ihr Volk auf ihre Entscheidung wartete.

Olaf kniete neben dem Eingang und strich mit einem glänzenden Schleifstein über die Klinge einer seiner riesigen Äxte. Er blickte nach oben und kniff die Augen zusammen.

„Du siehst aus, als würdest du auf ’ner Nessel kauen“, sagte er.

„Ich weiß, was wir tun müssen, aber es wird niemandem gefallen.“

Olaf zuckte mit den Schultern. „Es muss ihnen nicht gefallen. Du bist die Kriegsmutter. Du befiehlst und sie folgen. So funktioniert es.“

„Ich will dich an meiner Seite“, sagte Sejuani.

Olaf erhob sich zu seiner vollen, gewaltigen Größe und befestigte die Axt an seiner Schulter.

„Nein“, sagte Sejuani. „Mit gezogener Klinge.“

Olaf nickte langsam und sagte: „Willst du mir von deinem Plan erzählen, bevor wir hineingehen?“

„Erinnerst du dich, wie ich dir Tage voller Blut und Schlachten, Nächte voller Tod und Raserei versprochen habe?“

„Aye, Kriegsmutter, das tue ich!“, sagte Olaf, sein Grinsen breit wie der Horizont.

„Wir gehen wieder den Berg hoch“, sagte Sejuani. „Ins Reich der Ursaren, um Volibear Ornns großen Kessel zu stehlen.“

„Da hast du recht, das wird ihnen nicht gefallen“, sagte Olaf. „Aber ich liebe es!“