Short Story
Die Schattentür
von Ian St Martin

Die Schattentür

von Ian St Martin

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Die Schattentür
von Ian St Martin
„Erzähl mir noch eine Geschichte.“

„Aber, aber, Abel“, sagte Celwyn und legte das Buch mit den Geschichten auf einen Tisch. Dann zog er die Bettdecke eng um die Schultern seines Sohnes. „Das waren bereits zwei Geschichten. Jetzt ist Schlafenszeit.“

„Aber“, flüsterte der Junge und zog sich die Decke bis unter die Augen, „was ist, wenn die Monster mich erwischen?“

Celwyn lächelte. Er hatte teilweise ein schlechtes Gewissen, weil er seinem Sohn die Märchen erzählt hatte – eine Sammlung alter, valoranischer Fabeln mit mutigen Helden, die über böse Zauberer und monströse Bestien triumphieren. Sie stammten aus einem Märchenbuch, das Celwyns Vater ihm schon vorgelesen hatte, als er noch klein war – wenn auch vielleicht nicht ganz so klein wie Abel.

Die letzte Geschichte, die er vorgelesen hatte, Die Schattentür, war Celwyns Lieblingsgeschichte gewesen, als er noch ein Kind war. In ihr trug ein junger Knappe den Sieg über einen gemeinen König davon, der die ganze Welt in Schatten hüllen wollte. Celwyn dachte gerne daran zurück, wie er deswegen eine Heidenangst bekommen hatte. Vielleicht hätte er doch ein wenig länger warten sollen, bevor er sie seinem eigenen Sohn vorlas.

„Das ist doch nur eine Geschichte“, sagte Celwyn und setzte sich vorsichtig an Abels Bettkante. „Auch wenn du einen schlimmen Traum hast, werden die Monster aus dieser Geschichte dir nie etwas anhaben können, verstehst du? Das ist alles nur erfunden. Die Monster sind nicht echt.“

Er beugte sich hinunter und wollte Abel einen Kuss auf die Stirn geben, doch dieser schreckte vor him zurück.

„Was ist los?“, lächelte Celwyn. „Zu alt für einen Gutenachtkuss?“

Sein Lächeln gefror, als Abel immer weiter ins Bett sank.

Celwyn lief es eiskalt den Rücken hinunter, während sein Sohn tiefer und tiefer versank, als ob sich unter der Matratze eine Grube aufgetan hätte. Abel schrie auf, als die Decke sich eng um seinen Körper zusammenzog. Sie begann zu schimmern und wurde glitschig und feucht, als sie sich allmählich in eine rote, gefleckte Zunge verwandelte.

Celwyn erwachte aus der Schockstarre, die ihn festgewurzelt hatte. Er streckte die Arme nach seinem Sohn aus und kämpfte darum, ihn zu packen und herauszuziehen.

Die Zunge schlang sich jedoch nur noch fester um Abel und glitt tiefer hinunter.

Der Rahmen des Bettes splitterte mit einem scharfen Knack. Spitze Holzsplitter richteten sich auf und wurden scharf und gelb, als sie sich zu Reißzähnen verhärteten. Der gesamte Rahmen verwandelte sich in ein riesiges, hässliches Maul, das Celwyns Sohn an einem Stück zu verschlingen drohte.

„Abel!“, rief er, taumelte und musste würgen. Dunkle Rauchschwaden waberten aus Abels Nase und seinen Lippen, kräuselten sich und stiegen wirbelnd über dem sich verwandelnden Bett auf, wo sie sich wie ein aufkommender Sturm zusammenzogen.

Das Maul klappte auf und zu, klaffte dann weit auseinander und stieß einen ohrenbetäubenden, markerschütternden Schrei aus. Es war weder das Brüllen eines großen Raubtiers noch das Heulen eines Tieres, das seine Artgenossen zur Jagd zusammenruft. Für Celwyn klang es wie ein Geburtsschrei … fast so, als ob es Qualen litt.

„Papa!“, schrie Abel, bevor er verschwand.

Die Kiefer klappten zu.




Celwyn schoss hoch, rang nach Atem und sog gierig die Luft ein, während er sich mit der Hand einen kalten Schweißfilm vom Gesicht wischte. Sein Blick zuckte umher, ohne in dem lichtlosen Raum etwas zu erkennen. In Piltover war tiefste Nacht und die Laternen unten in den Straßen waren durch die Vorhänge am Fenster kaum zu erkennen.

Nach ein paar Momenten ließ sein Herzklopfen nach und seine Gedanken kamen langsam zur Ruhe. Er konnte sich nicht an das letzte Mal erinnern, als er einen Albtraum gehabt hatte – und er konnte sich auch nicht an einen derartig intensiven wie diesen erinnern.

Seine Gedanken wanderten zu seinem Sohn. Er sollte aufstehen, nur für einen stillen Moment, um nach Abel zu sehen. Zu sehen, ob es ihm …

„Papa?“

Celwyn schrak beim Klang der Stimme zusammen. Seine Augen hatten sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt und erkannten die kleine Silhouette seines Sohns, der am Fußende des Betts stand.

„Abel?“ Celwyn blinzelte. „Abel, wieso bist du …“

„Warum?“, fragte der Junge.

Celwyn runzelte die Stirn. „Wieso bist du auf? Geht es dir gut?“

„Warum hattest du den Traum, Papa?“

„Wie bitte?“, fragte Celwyn. Jede Schläfrigkeit war von ihm gewichen.

„Warum machst du das?“, fragte Abel und seine Stimme nahm einen flehenden Klang an. Celwyn konnte das Gesicht seines Sohnes nur schemenhaft erkennen, da die Vorhänge zugezogen waren … doch er konnte sich nicht daran erinnern, sie geschlossen zu haben. „Weißt du nicht, dass er sich genau davon ernährt?“

Plötzlich war Celwyn eiskalt. Über Abels Kopf hinweg sah er den hohen Schatten, den dieser an die Wand warf.

Ein Schatten, der nicht seinem Sohn gehörte.

Abel zitterte und seine Umrisse verschmolzen mit dem Schatten an der Wand. Innerhalb eines Lidschlags war das Bild des Jungen verschwunden und es löste sich immer mehr in der zunehmenden Dunkelheit auf. Celwyn streckte seine Arme nach ihm aus und beobachtete, wie ein dünner Faden aus dunklem Nebel zwischen Abels Lippen zum Vorschein kam, genau wie es in seinem Traum geschehen war.

Mit einem feucht klingenden, gurgelnden Zischen löste sich der Schatten langsam von der Wand. Pures Entsetzen packte Celwyn, als vor seinen Augen eine Kreatur hervortrat. Sie war wie ein lebender Schatten in menschenähnlicher Gestalt. Der Körper verjüngte sich unterhalb des Oberkörpers wie eine Schwertspitze. Das Monster waberte und flackerte, als ob Celwyn es unter der Oberfläche eines dunklen Gewässers beobachten würde. Kalte Augen starrten ihn an und bohrten sich tief in seine Seele hinein.

Adrenalin durchströmte Celwyn, der instinktive Fluchtreflex breitete sich in jeder Faser seines Körpers aus. Doch so sehr er es auch versuchte, ganz gleich, wie sehr sein Körper danach verlangte, sein Geist ließ ihn im Stich. Er war gelähmt und konnte nichts anderes tun, als mit eigenen Augen etwas zu sehen, von dem er gedacht hatte, es würde nur in alten Märchen existieren, die Väter ihren Söhnen erzählten.

Ein Monster. Ein echtes.

Die Kiefer der Kreatur teilten sich und gaben den Blick auf lange, schiefe Zähne frei. Dann sprach sie zu ihm und wiederholte Celwyns panische Gedanken mit seiner eigenen Stimme.

„Was bist du?“, krächzte sie. „Was hat dich hergebracht?“

Sie schoss auf ihn zu und schwebte über ihm. Ihre Gestalt sonderte Tropfen der Mitternacht ab, die sich wie Tinte im Ozean ins Nichts verliefen. Die Arme des Monsters wurden länger, ihre Enden verdrehten sich, wurden flacher und bildeten tödliche Klingen, die über seine Klauen hinausragten.

Celwyn wurde kreidebleich und konnte den Blick nicht von dieser Albtraumkreatur abwenden, die sich hinunterbeugte und ihr grauenvolles Gesicht direkt vor seins brachte.

Sie flüsterte Celwyn ein einziges Wort zu, bevor sie ihre Klingen in sein Herz stieß. Eine Antwort auf seine Frage, leise gesprochen mit der Stimme eines ertrinkenden Mannes, der in den dunkelsten Tiefen versank.

„Du.“




Der Morgen brach an und brachte die geschäftigen Geräusche der blühenden Handelsstadt mit sich. Die Metropole wurde in Sonnenlicht getaucht, das von jedem Fenster zurückgeworfen wurde, einschließlich dem von Celwyns Schlafzimmer.

Eine Stimme erklang vor der Tür, begleitet vom leisen Klopfen einer kleinen Kinderhand. „Papa?“ Der Türknauf drehte sich langsam und Abel öffnete die Tür einen Spalt weit, um hindurchzuspähen. „Es ist Morgen!“

Der Junge betrat das Schlafzimmer seines Vaters und je weiter er die Tür öffnete, umso mehr zogen sich die Schatten zurück. Sie wichen vor dem Morgenlicht zurück, doch irgendwie langsamer und widerwilliger als sonst.

„Papa? Wo bist du?“, rief Abel. Angst kroch in seine Stimme, als er sich im Zimmer umsah.

Nirgendwo in der Düsterkeit war ein Zeichen von seinem Vater oder von sonst jemandem. Und doch wurde der Junge das Gefühl nicht los, dass sich etwas in die dunkelste Ecke des Zimmers drängte und ihn beobachtete.

Abel hustete, aber bemerkte den winzigen Nebelstreif nicht, der darauf folgte. Dann drehte er sich wieder um, ging in den Flur und schloss die Tür hinter sich.