Short Story
Der Speer von Targon
Von Anthony Reynolds

Der Speer von Targon

Von Anthony Reynolds

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Der Speer von Targon
Von Anthony Reynolds

Eine einsame Gestalt erwartete den bewaffneten Konvoi. Ihre Silhouette zeichnete sich vor der Sonne ab. Der schwere Mantel des Mannes und die lange Feder auf seinem Helm flatterten im heißen, trockenen Wüstenwind. An seiner Seite hielt er einen langen Speer.

Der Konvoi bestand aus dreißig Mann. Die meisten waren angeheuerte Söldner – grobschlächtige, kriegerische Männer und Frauen in Kettenhemden oder Lederrüstungen, bewaffnet mit Armbrüsten, Hellebarden und Klingen. Sie schritten neben schwer beladenen Mulis über den staubigen Pfad. Als sie den Krieger reglos vor sich stehen sahen, blieben sie jedoch stehen. Die kruden Beleidigungen und Witze, die sie sich gegenseitig zugeworfen hatten, erstarben auf ihren Lippen.

Der dunkelgekleidete Anführer der Expedition runzelte die Stirn, als er sein pechschwarzes Ross mit einem Ruck an den Zügeln anhielt. Während die anderen von weit her kamen, kannte er diesen Ort und seine Bewohner, da er selbst einmal zu ihnen gezählt hatte. Obwohl er unter dem Bergvolk der Rakkor aufgewachsen war, hatte er ihm vor langer Zeit den Rücken gekehrt. Jetzt kam er nach langen Jahren der Abwesenheit zurück, da ihn der unermessliche Wohlstand lockte, der ihn im Sehertempel über ihnen erwartete.

Er kannte und respektierte die Kampffertigkeiten seines ehemaligen Volkes, doch ein einzelner Krieger? Nicht einmal die Ra’Horak konnten gegen eine solche Übermacht bestehen.

Trotz allem machte der Mann auf dem Felsvorsprung keine Anstalten, aus dem Weg zu gehen.

„Ihr tragt Mord und Totschlag in euren Herzen“, erklang die Stimme des Kriegers hart wie Eisen. „Ich stamme vom Berg. Kehrt um oder ich werde euch mit Freuden vernichten. Ihr habt die Wahl.“

Die Söldner grinsten und spotteten.

„Verpiss dich, du Irrer“, rief einer von ihnen, „sonst spießen wir deinen Kopf auf einen Pfahl und lassen ihn am Wegrand stehen.“

„Du bist weit von Zuhause weg, mein Freund“, sagte der Anführer des Konvois. „Wir reisen selbst zum Berg. Hier muss kein Blut vergossen werden.“

Der einsame rakkoranische Krieger rührte sich nicht.

„Wir sind nur einfache Pilger und haben noch eine lange Reise vor uns“, sagte der Anführer. „Und außerdem gibt es für uns kein Zurück mehr. Unsere Schiffe haben längst abgelegt, siehst du?“ Er deutete hinter sich.

Hinter dem Konvoi, weniger als eine Meile entfernt, glitzerte das Meer im schwindenden Licht wie Drachenschuppen. Drei Galeeren waren zu sehen, die ihre Segel ausrollten und Kurs gen Norden setzten, um sich auf die lange Heimreise zu machen.

„Wir kommen ohne böse Absichten, das versichere ich dir“, fuhr der Anführer fort. „Wir streben lediglich nach Weisheit.“

„Deine Zunge ist gespalten, Schlange“, entgegnete der einsame Krieger. „Ihr strebt nach dem Blut des Sehers und das wird euer Ende sein. Du wurdest auf dem Berg geboren und jetzt wirst du in seinem Schatten sterben.“

Der Anführer legte seine Stirn noch tiefer in Falten und wandte sich mit einem abfälligen Schulterzucken ab.

„Das werden wir ja sehen“, murmelte er. „Tötet ihn.“

Sofort wurden Armbrüste angelegt und die Luft war vom Rauschen der Bolzen erfüllt. Der Krieger der Rakkor ging jedoch nicht zu Boden. Die Bolzen prallten lediglich mit einem metallischen Klirren von seinem schweren, runden Schild ab. Dann setzte er sich in Bewegung.

Er schien keinerlei Eile zu haben. Er schritt mit grimmiger Entschlossenheit vorwärts, noch immer nur ein Umriss gegen die Sonne. Die Spitze seines Speeres senkte sich langsam in Richtung seiner Feinde. Wieder sauste eine Salve Armbrustbolzen durch die Luft. Und wieder prallten sie von seinem Schild ab.

Der erste der zornigen Söldner stürzte auf ihn zu … eine Frau. Ihr grob gezackter Krummsäbel zielte auf die Kehle des Kriegers. Sie starb innerhalb eines Wimpernschlags, als der Speer des Kriegers ihre Brust durchbohrte. Die nächsten beiden starben fast ebenso schnell: Eine scharlachrote Wunde klaffte an der Kehle eines Mannes und ein weiterer fiel mit zertrümmertem Schädel zu Boden.

„Schnappt ihn euch!“, brüllte der Anführer der Expedition und zog eine exquisite, maßgefertigte Pistole aus dem Hosenbund.

Eine Wolke zog an der Sonne vorbei, so dass der Krieger deutlicher zu sehen war. Seine Rüstung war mit himmlischen Motiven verziert und es schien, als würden Sterne im glänzenden Stoff seines dunkelblauen Umhangs glitzern. Dieses Sternenlicht funkelte auch in seinem unnachgiebigen Blick, der durch die Visierschlitze seines Helms zu sehen war. Einen Augenblick lang schien eine göttliche Macht seine Rüstung und Speerspitze zum Leuchten zu bringen und plötzlich bekam es der Anführer der Räuber mit der Angst zu tun. Er hatte in seiner Kindheit von dieser Macht gehört, sie mittlerweile jedoch als Mythos und Legende abgetan.

Der einsame Krieger bewegte sich fließend, jede Bewegung war reibungslos, effizient und tödlich. Er war unvorstellbar schnell. Schneller, als ein Mensch es sein dürfte. Weitere Söldner starben und ihr Blut tränkte den ausgedörrten Wüstenboden. Niemand konnte einen Treffer gegen den tödlichen Kämpfer landen. Er bewegte sich mühelos durch den Kampf und näherte sich unaufhaltsam dem Reiter. Einer nach dem anderen fielen die Söldner. Schon bald machten die, die noch standen, auf dem Absatz kehrt und flohen vor dem unbezwingbaren Feind.

Der Anführer der Söldner richtete seine Pistole auf den einsamen Krieger und drückte ab. Mit schier unmenschlicher Schnelligkeit bewegte sich der Krieger im letzten Augenblick ein wenig zur Seite und der Schuss streifte lediglich die Seite seines Helmes. Der Anführer fluchte und lud seine Pistole nach … doch er war zu langsam.

Der Schild des Kriegers traf ihn mitten auf die Brust und er wurde aus dem Sattel geworfen. Er stürzte schmerzvoll und verzog das Gesicht, als der Krieger den Fuß auf seinen Brustkorb setzte und ihn zu Boden drückte.

Der Anführer der Räuber blickte auf und erkannte mit Schrecken, dass er das Gesicht seines Widersachers erkannte. Ein Name lag ihm auf der Zunge, den er noch aus der Zeit kannte, in der er unter den Rakkor gelebt hatte.

„Atreus“, flüsterte er. „Bist du das?“

Als Antwort rammte der Rakkor seinen Speer in die Brust des Anführers.

„Atreus gibt es nicht mehr“, knurrte der Krieger. „Ich bin Pantheon, jetzt und für immer.“

Blut schäumte aus dem Mund des sterbenden Mannes und er erschauderte. Als er sich nicht mehr rührte, zog Pantheon seine Waffe heraus und wandte sich ab. Die Dämmerung war der Nacht gewichen und unzählige Sterne erhellten den Himmel.

Ein glühender Komet stürzte einhundert Meilen weiter östlich auf die weit entfernten Berge hinab.

Pantheon kniff die Augen zusammen. „Dann ist es also Zeit“, sagte er in die Dunkelheit und begann die lange Reise zurück zum Targon.