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Varus folgte einem Fluss, der sich durch die Wüste zog. Sein Wasser war zwar sandig, aber dennoch trinkbar. Der neugewebte Körper, der seinen Bogen trug, war wunderschön, schnell und stark. Jedoch barg das menschliche Fleisch Schwächen. Es hungerte. Es dürstete.
Vor einigen Tagen hatte ihm ein buckeliges Wesen mit einem verkümmerten Arm und vogelartigen Merkmalen erzählt, dass er sich in Shurima befand, was aber nicht stimmen konnte. Varus erinnerte sich, dass Shurima ein trostloses Ödland war.
„War ich so lange in Gefangenschaft?“, fragte er sich.
Er verachtete die menschlichen Töne, die sein neuer Mund hervorbrachte. Sie wirkten bestialisch und primitiv, aber zumindest war er wieder fähig, laut zu sprechen. Er konnte nicht einschätzen, wie lange er in Gefangenschaft verbracht hatte. Die Zeitmessung der Sterblichen ergab für ihn keinen Sinn und das vogelartige Wesen hatte nicht erkannt, was er war. Es hatte keinen Schimmer davon gehabt, wie weit der Krieg der Düsteren zurücklag.
„Meinesgleichen hat diese Welt ausgelöscht“, verdeutlichte er. „Und nun sind wir vergessen? Wie kann das möglich sein?“
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis selbst die gewaltigsten Schrecken in Vergessenheit geraten.
Die Stimme hallte in seinem Schädel wider und es war unmöglich, sie zu ignorieren. Wer von beiden war es? Kai oder Valmar? Er vermutete Val, aber der Verstand der Sterblichen war so einfach gestrickt und so unrein, dass es ein schweres Unterfangen war, sie voneinander zu unterscheiden.
„Jedes Volk, das vergessen kann, wie es in den Abgrund der eigenen Auslöschung geblickt hat, hat kein Anrecht auf Leben“, erwiderte Varus.
Wir vergessen nicht. Das war Valmar, entschied Varus. Schrecken werden zu Mythen, damit wir sie ertragen und aus ihnen lernen können, ohne den Verstand zu verlieren.
Welch lächerliche Vorstellung. Varus wusste, dass er es niemals erlauben würde, den Untergang seines Volkes aus seinen Erinnerungen weichen zu lassen. Er wollte seinem Trotz gerade Ausdruck verleihen, als er Geräusche hinter der nächsten Flusskrümmung wahrnahm – rufende Stimmen, grunzende Tiere und den Klang von Werkzeugen auf Gestein. Er rannte los, verbarg sich im Schatten eines umgekippten Obelisken und hielt Ausschau.
Der neue Fluss hatte verschollene Ruinen eines uralten Gebildes mit Säulen und Statuen der ältesten Aufgestiegenen freigespült. Es handelte sich definitiv um die Quelle der Magie, die er gespürt hatte. Alte Magie. Die Art, die die feuerhaarige Königin benutzt hatte, um sein Volk zu unterjochen.
Dieselbe Art, die ihn unter ionischem Fels in Gefangenschaft gehalten hatte.
Braungebrannte Männer, die drahtig wie Wölfe waren, bearbeiten die Ruinen und legten versteckte Kammern voll Relikten frei, während stämmige Lasttiere die ausgehobenen Felsen aus den Tiefen des Bauwerks hievten. Krieger mit Brustpanzern aus Leder, die Hakenspeere trugen, bewachten das Gelände. Varus schmunzelte, schwang sich auf den Obelisken und spannte bei seiner Landung den Bogen. Violettes Licht strömte durch den lebenden Bogen, wie er sich bog, und ein knisternder, funkelnder Pfeil begann sich in der Luft zu formen.
Warum musst du sie töten? Das war Kai. Er verachtete sinnloses Töten.
Varus’ Hände begannen zu zittern, als Kai darum kämpfte, den Bogen zu senken.
„Deinesgleichen hat mein Volk vernichtet“, entgegnete Varus und setzte seinen Willen durch, um das Ziel im Visier zu behalten. „Mehr Gründe brauche ich nicht.“
Er nahm das Ziel des knisternden Pfeils gerade in Augenschein, als ihn ein stämmiger Krieger mit geteiltem Bart und rasiertem Kopf erblickte und einen Warnschrei ausstieß.
Muss also jeder, der deinen Pfad kreuzt, sterben?
Varus atmete aus und ließ den Pfeil fliegen noch bevor er erneut einatmete. Das Geschoss blitzte durch die Luft, bohrte sich durch das Herz des bärtigen Kriegers und brannte sich sauber durch seinen Körper hindurch. Der Mann sackte augenblicklich zusammen, sein Mund im Schock weit geöffnet. Die anderen warfen ihre Speere, doch Varus war bereits in Bewegung. Er sprang vom Obelisken ab, ließ einen Hagel blutroter Geschosse auf sie niederregnen und rannte sofort weiter, als seine Füße den Boden berührten.
Ein Hakenspeer schnellte auf ihn zu. Er wich zur Seite aus, kam wieder auf die Füße und feuerte ein Paar purpurroter Pfeile ab, die sich zielgenau in die Brust des Angreifers bohrten. Varus sprintete, sprang und schnellte durch die Ruinen, während er seine Ziele mit leuchtenden Geschossen und absoluter Präzision in die Knie zwang.
Nach wenigen Sekunden war alles vorbei. Sechzehn Leichen und kein Schweißtropfen auf Varus’ Stirn. Er spürte die Qual von Valmar und Kai in seinem Inneren und grinste. Jeder Tod nagte an ihnen, schwächte sie weiter und machte sie unfähiger, sich gegen ihn zu wehren.
Die Männer in der Ausgrabungsstätte warfen ihre Werkzeuge auf den Boden und rannten in Richtung des Flusses davon. Varus ließ sie entkommen. Sie waren ohne Bedeutung und das Töten von Sterblichen ohne Waffen feuerte stets nur den Widerstand der zwei Seelen in seinem Inneren an.
Varus betrat die Ruine und warf im Vorbeigehen einen schnellen Blick auf ein paar Statuen von Geschöpfen, die Hunden und Krokodilen glichen. Innen war es kühl und finster. Die Mauern waren mit einem ausdrucksvollen Flachrelief überzogen und zeigten große Scheiben, die ein fruchtbares Land mit goldenen Strahlen bedeckten. Im steinernen Fußboden war eine magische Inschrift eingraviert, die bereits vor der Rebellion von Icathia uralt gewesen war.
„Schutzsiegel. Einst mächtig, jetzt verklungen“, bemerkte Varus, während er die beschriebenen Steinplatten überquerte und sich der emporragenden Statue eines mächtigen Götterkriegers mit Schlangenkopf näherte, der einst dort Wache gestanden hatte. Eine vergangene Katastrophe hatte sie umstürzen lassen und hinter den Sandsteinüberresten offenbarte sich eine lichtlose Kammer.
Er betrat sie. Das Leuchten des glimmenden Lichts an seinem Herzen enthüllte nichts als blankes Gestein, das durch antikes Feuer schwarz und glatt gebrannt worden war.
Varus seufzte. „Wo bist du, Schwester …?“